Pädagogische Grundlagen

Vorbild und Nachahmung
Von Geburt an lernt das Kind durch Nachahmung. Fähigkeiten wie Gehen, Sprechen und Denken erwirbt es am Vorbild der Menschen, die seine Umgebung bilden und gestalten. Das Kind kann dann wirklich in die Nachahmung eintauchen, wenn die Handlungen und Tätigkeiten der Erwachsenen sinnlich erlebbar sind und in einem in sich stimmigen Zusammenhang stehen.
Dies geschieht im Kindergarten vor allem durch die Bindung an feste Bezugspersonen und die Tätigkeiten der Erzieherinnen, die in einem lebenspraktischen, nachvollziehbaren und sinnvollen Zusammenhang stehen. Dazu gehören vor allem hauswirtschaftliche und handwerkliche Arbeiten, wie z.B. Kochen, Backen, Spülen, Aufräumen, kleinere Reparaturen und Handarbeiten.
Auch das Erleben und Umsetzen von Regeln und Ordnungen im täglichen Leben und das Erlernen sozialer Fähigkeiten wird im wesentlichen durch Vorbild und Nachahmung verinnerlicht. Hierzu legen wir besonderes Augenmerk auf die Achtung der Individualität des anderen Menschen, aber auch seiner sozialen Fähigkeiten.

Rhythmus und Wiederholung
Rhythmus ist die Lebensgrundlage des Menschen und überall in der Natur wieder zu finden. Er zeigt sich z.B. in Herz- und Atemtätigkeit, Spannung und Entspannung, Ruhe und Aktivität, Wachen und Schlafen, Tag und Nacht, Wochen-, Monats- und Jahreslauf. Die rhythmische Gestaltung des täglichen Lebens bietet dem Kind Halt und Orientierung, Sicherheit und Geborgenheit.

Sinnespflege
Mit der Geburt des Kindes ist der physische Leib des Kindes geboren. Dieser bildet gleichsam das Haus, in das Geist und Seele mehr und mehr einziehen, um sich entwickeln zu können. Wir schenken daher den versorgenden und pflegenden Handlungen angemessene Aufmerksamkeit und führen diese mit Zeit und Ruhe aus.
Das Kind lebt und lernt in den ersten sieben Jahren mit allen Sinnen, ist selbst eigentlich ganz Sinnesorgan. Dabei hat es noch nicht die Fähigkeit auszuwählen oder wegzulassen – es nimmt alles, was aus der Umgebung kommt, in sich auf. Hier liegt also unsere besondere Verantwortung: alles, was wir den Kindern anbieten, womit wir sie umgeben und ernähren, was wir ihnen sagen, mit ihnen singen oder vorlesen, sorgfältig auszuwählen.

So orientiert sich die Auswahl der Materialien im Kindergarten an der sinnlichen Erfahrbarkeit und ihrer Wirkung auf den kindlichen Organismus: das Spielmaterial ist einfach und vielfältig einsetzbar. Naturmaterialien, wie Steine, Muscheln, Kastanien, Zapfen, Hölzer, Wurzeln, Tücher, Wollschnüre, Sandsäckchen regen die Phantasiekräfte an und fördern die Sinnes- und Wahrnehmungsfähigkeit. Auch die Raumgestaltung soll einem feinfühligen, sinnlichen Erleben dienen. Die Zimmer sind in warmen Farben gehalten, die Möbel aus Naturholz. Geschichten, Märchen, Lieder, Reigen, Fingerspiele orientieren sich an der kindlichen Erlebnis- und Gefühlswelt.
Die Pflege der Sinnestätigkeit ist von elementarer Bedeutung für die späteren zu entwickelnden kognitiven und sozialen Fähigkeiten.

Wie lernt das Kind? - Umgang mit Lernmaterial und Medien
„Wir haben dem Kinde zu geben, was es zum Lernen braucht, nicht aber dürfen wir es unter Zwang setzen, um es nach unserem eigenen Bilde zu formen, sondern wir müssen ihm eine Freiheit in der Entwicklung lassen und sie achten.“  (R. Steiner, „Elemente der Erziehungskunst“)

Die heutige Gesellschaft verlangt von den Menschen vor allem Durchhaltevermögen und Leistungswillen, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein, Selbstvertrauen und Beziehungsfähigkeit. Diese Fähigkeiten werden in den ersten sieben Lebensjahren des Kindes angelegt und können sich nur dann entwickeln, wenn das Kind ausreichend Zeit und Möglichkeiten bekommen hat, in sich anzukommen und sich seinem Wesen gemäß in der Welt zu betätigen.

„Für die volle Entfaltung der Gesundheit und Leistungsfähigkeit im späteren Leben kann es somit von großer Wichtigkeit sein, dass die Umwandlung der leibbildenden Kräfte in solche der Vorstellungsbildung abgewartet wird, bevor das schulische Lernen mit seinen intellektuellen, von der Sinnesbindung sich lösenden Anforderungen beginnt. Jede unnötige Forcierung auf diesem Felde, so ist zu befürchten, geht zu Lasten der umfassenden, differenzierten Ausreifung der leiblichen Organisation und bedeutet somit potentiell eine nachhaltige Schwächung.“ (W. Saßmannshausen „Leitlinien der Waldorfpädagogik für die Altersstufe von 3 – 9 Jahren“, Stuttgart 2005, S. 37)

Heutzutage wird immer deutlicher, dass die Kinder meist intellektuell schulfähig sind, aber physiologisch, psychologisch und sozial oft noch nicht genügend reif sind.
Das Kind ist von Natur aus Forscher und ist in ständiger Bewegung. Wir müssen ihm die Möglichkeit bieten, diesen Forschungs- und Bewegungsdrang zu verwirklichen. Im freien Spiel gestalten die Kinder mithilfe der Phantasiekräfte die Welt, ihr Bild von der Welt. Sie beobachten präzise, leben ganz im Augenblick, es gibt nichts Unwichtiges, alles ist wesentlich und wird ins Spiel einbezogen. In den kindlichen Forschungsbereich gehören vor allem die Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft, die Natur mit Tieren und Pflanzen und der Mensch. Die Erfahrungen, die das Kind im freien spielerischen Umgang mit diesen Gegebenheiten macht, können so Grundlage sein für die innere Verständnisfähigkeit und die erwarteten kognitiven Fähigkeiten in der Schule.

Die Religiosität des Kindes und die Jahresfeste
Das kleine Kind ist ganz und gar Sinneswesen und so an die Umgebung hingegeben. Jedes Kind hat von Natur aus eine andachtsvolle Haltung bzw. Stimmung. So ist der pflegende, sorgsame Umgang mit den Pflanzen, Tieren und dem Leben um uns eine Form der religiösen Erziehung im täglichen Kindergartenleben.
Mit den Kindern leben wir den Jahreslauf mit seinen christlichen Jahresfesten und den Geburtstagen. Ostern, Pfingsten, Johanni, Michaeli, St. Martin, St. Nikolaus, Advent, Weihnachten, Heilige Drei Könige werden mit Liedern, Geschichten, Bewegungsspielen und besonderen Speisen erwartet, gefeiert und ausklingen gelassen.